Wölfe reissen insbesondere in Nutztierherden oft mehr Tiere, als sie fressen können. In der Fachsprache nennt sich dieses Verhalten surplus killing, was übersetzt soviel heisst wie "überzähliges Töten". Dieses Verhalten hat entgegen anders lautenden Gerüchten nichts mit Wölfen aus Gefangenschaft zu tun, die es in der Schweizer Natur erwiesenermassen nicht gibt. Auch wilde Wölfe reissen oft mehr Schafe, als sie fressen können. Surplus killing kommt in der Natur bei zahlreichen Raubtieren vor: bei Wieseln und Mardern, bei Füchsen, Luchsen, Braunbären, Löwen, Leoparden, Tigern, Hunden und Hauskatzen, bei Waschbären, sogar bei Schwertwalen (Orcas) und verschiedenen Insekten wie Spinnen und Milben ist dieses Verhalten nachgewiesen.
Nach heutigem Stand des Wissens, läuft der Prozess des Jagens, Tötens und Fressens im Kopf von Wölfen in verschiedenen Schritten ab und erst wenn ein Schritt beendet ist, kann der nächste beginnen. Das heisst, wenn ein Wolf eine Herde angreift und ein Schaf erwischt hat, beisst er natürlich zu und wird es töten. Ist jedoch noch immer der Reiz von anderen flüchtenden Tieren vorhanden (fehlende Fluchtinstinkte, Zäune), wird der Wolf nicht zu fressen beginnen, sondern weiter reissen, bis eben kein Reiz von flüchtenden Tieren mehr da ist. Erst dann wird der Schritt "reissen" beendet und mit dem Fressen begonnen.
So brutal dieses Verhalten für die betroffenen Nutztiere ist, so sinnvoll ist es in der Natur. Der Wolf als Rudeltier hat oft noch Familiemitglieder mitzuversorgen, was einer grosse Fleischmenge bedarf. Da er ausserdem problemlos imstande ist, Aas zu fressen, kann er Kadaver auch noch Wochen später verwerten. Hat ein Wolf in der Natur also mal die ganz seltene Chance, zwei statt nur einen Hirsch zu erlegen, muss er diese Chance nutzen, denn für ihn ist dies ein wichtiger Überlebensvorteil. Da Wildtiere und deren Verhalten stets auch vor dem Hintergrund der Evolution betrachtet werden müssen, lässt sich festhalten, dass Wölfe (und andere Raubtiere), die surplus killing verursachen, wohl einen deutlichen Selektionsvorteil gegenüber Artgenossen ohne dieses Verhalten haben.