Modehunde - Anlass, Zeitgeist und "Auswirkungen" (Wie entsteht so ein Phänomen?)

  • Seit ich heute im Thread "Welche Rasse würdet ihr mir empfehlen" den (lange nicht mehr live gesehenen) Bobtail empfohlen habe, frage ich mich, wie es dazu kam, dass er überhaupt in den 80er - 90er Jahren derart in Mode kam...
    Lag es am Loriot-Filmchen "Mein Hund kann sprechen" oder war der Film lediglich Reaktion auf eine bereits vorhandene Modewelle? (o.k. - der war geschoren, vielleicht war's auch gar kein Bobtail und der Grund für die Mode war z.B. ein Film/ eine Werbung aus der Zeit, die ich gar nicht kenne?)
    Beim Dackel ist's klar. Nach dem zweiten Weltkrieg war seine Statur gefragt, obwohl vorher verpönt:


    (Weiß die Minute nicht mehr, in der das in obigem Film vorkommt.)
    Die "Hush-Puppy"(Schuh-)-Reklame pushte den Basset in den 70ern, die "Cesar"- Reklame den Westie in den 90ern (oder waren es doch schon die 80er?), in irgendeiner Pedigree-Reklame kam mal ein brauner Labrador vor, davor die Golden Retriever. Dem Film "101 Dalmatiner" folgte ein Dalmatiner-Hype.
    Seit dem "Marley-Film" sind Labradore wieder häufiger gesehen (incl. des Namens oder Milo/Milow/Mylo/etc. - klärt auf, wenn das eine mit dem anderen nichts zu tun haben sollte... ).
    Momentan sind auffällig oft brachyzephale Rassen wie Mops oder Französische Bulldogge in den Werbemedien zu sehen, der Boston Terrier kommt auch langsam...
    Border Collie und Australien Shepherd glänzten in diversen Futter-Werbungen und wurden dadurch populär, war etwa "Wetten Dass" schuld am Ruhm des Border Collies?:

    Erwiesen ist, dass das damals kein mieser Trick, sondern Talent des Hundes aufgrund einer leider krankheitsbedingten "Zwangspause" des Hundes war. (Finde die Doku gerade nicht, aber es gibt sie, darin wurde dokumentiert, dass es kein Fake war. Wer sie findet, kann sie gerne verlinken.)
    Der Fotograph William Wegmann trägt mit Sicherheit zur Popularität der Weimaraner auch in Nichtjägerkreisen bei, außerdem fand ich diesen Artikel:
    Weimaraner: Und wieder wird ein Jagd- zum Modehund - WELT
    ["Sobald er mit irgendeiner anderen Rasse gekreuzt wird, verlieren die Kinder ihre aristokratischen Merkmale: kein graues Fell und keine bernsteinfarbenen Augen." (zitiert aus obigem Artikel, allerdings sieht man doch bei Pseudo-Labradoren in z.B. silber diese Attribute, aber der Weimaraner (oder gar die Dogge :shocked: ) als "Lieferant" wird wider besseres Wissen der Genetik geleugnet - vielleicht erhofft man sich, der immanenten Schärfe des "Weimis" zu entgehen, wenn mann die Augen (nicht nur) jenseits der Optik verschließt? Vielleicht weiß man es aufgrund fehlender Vorinformation/Kenntnis einfach auch nicht besser? Vielleicht möchte man es, genauso wie die Qualzuchtfolgen bei Mops & Co. aber einfach auch nicht besser wissen?)
    Mich interessieren andere Modehundaufkommen wie z.B. Rhodesian Ridgeback, Magyar Vizslar etc.
    Ihr könnt ja mal z.B. mit "Lassie" anfangen - den (ach ne, war ja 'ne die ;) ) habe ich dann mal bis jetzt nicht erwähnt. Habe aber eine schöne Vorlesung (leider in englisch!) dazu, die auch Hundesprache (GANZ anders als bei Lassie!) mit einbezieht:



    [Sehr lohnenswert!!!, seine ursprüngliche "Lassie-Leidenschaft" und damit die (unwissenschaftliche) Grundlage seiner Arbeit beginnt bei Min. 3.30.]
    Wieso waren die Foxterrier in den 50/60ern so populär? :ka:
    Gibt es "Revivals" in den Moden bestimmter Rassen? Ist z.B. der Mops "retro" in der Mode, obwohl der "Retromops" ein Neologismus ist?
    Sorgte "Kommissar Rex" für mehr Schäferhundeabsatz?
    Dann legt mal los! :dafuer:
    Ich bin interessiert und sehr gespannt.
    L. G.
  • Sehr interessante Frage.
    Nur kurz: Werbung ist wohl eines der manipulativsten Instrumente überhaupt, das gilt ja nicht nur für Hunde. Man sehe sich den täglichen, zu 99% unerträglichen Ausstoss an.
    Sie funktioniert so sehr, das ist oft zum K.
    Wir wollen verführt werden...oder so.
    Alle Deine Beispiele taugen- so ist es gelaufen.


    Ich kannte keine Aussies, bevor sie hier einzogen, und habe auch niemals Werbung mit ihnen gesehen- also vor 10 Jahren. Inzwischen ist das anders.

  • Interessant :???: Henne+Ei oder so...


    Warum auch immer ein bestimmter "Hund" (also eine Rasse) als StatusSymbol? oder so nachgefragt wird ZACK werden Welpen "produziert" (ganz bewusst so formuliert) und plötzlich sieht man sie allüberall zu Hauf' laufen.


    Wie und wann wurden eigentlich die "rattenscharfen" YorkshireTerrier zu diesen kleinen "Püppchen"... überhaupt die ganzen - eigentlich wuchtbrummigen - britischen(?) Terrier? Ich kann mich an keine Filme erinnern...


    Ein Bekannter hat einen BorderTerrier aus der "alten Heimat" importiert - ein ExSoldat der RheinArmee, der hier verheiratet ist :D caught by one of the natives - eine Rasse aus seiner Jugend halt?!

  • Wenn meine Akita mal als eine solche erkannt wird,
    dann wohl meistens wegen dem Film "Hachiko – Eine wunderbare Freundschaft".
    Eine traurig, wahre Geschichte, ein toller Hund.
    War die Rasse damals ein "Modehund" ?
    Ein bisschen schon, denke ich und sehr oft zum Leidwesen dieser, falsch verstanden Hunde.

  • @vjestica
    Wie alt ist Dein Hund?
    War der Film Anlass für Deine Hundewahl oder hattest Du den Hund und aufgrund des Films wurde Deine Hunderasse "erkannt"?
    (Weiß gerade nicht, von wann der Film "Hachiko" ist. Auf jeden Fall hat er wohl keinen Hundefreund kaltgelassen - zumindest mich nicht.)
    L. G.

  • Ich glaube, dass in dieses Phänomen auch ganz klar der "Haben-Wollen"-Gedanke in Kombination mit mangelnder Selbstdisziplin mit rein spielt. Man sieht etwas, was einem gut gefällt und man will es haben. Charakterliche und gesundheitliche Aspekte werden entweder gar nicht erst nachgefragt oder verdrängt. Man will das jetzt haben und dann wird gekauft nach dem Motto: Wird schon schief gehen.


    Was mir heutzutage immer mehr auffällt, da ich aus einer fast reinen Lehrer-Familie (Grundschule bis Gymnasium) komme: Heutzutage haben viele Kinder nicht einmal Grunderziehung, weil die Eltern schon keine Grunderziehung haben und daher gar nicht wissen, wie sowas geht (Stichwort z. B. Frustrationstoleranz). Was das mit Hunden zu tun hat? Früher gab es ein Riesendrama, wenn man als Kind auch nur einen Goldfisch wollte. Da kamen Fragen wie: Wer kümmert sich drum? Hast du Zeit dafür? Was passiert im Urlaub? Wer bezahlt den Tierarzt? usw. Endete dann meist in einem klaren "Nein" und dann konnte man sich geschlagen geben oder einen Anfall kriegen, aber es blieb dabei. Es gab auch massenweise Kinderbücher, in denen einem vermittelt wurde, wie viel Verantwortung ein Haustier mit sich bringt. Heute gibt es stattdessen lustige Youtube-Videos mit süßen verkleideten Hündchen, die von irgendwelchen Bloggern im Kinderwagen rumgeschoben und mit Gopros um den Hals auf's Surfbrett gestellt werden. Und ich hab den Eindruck, dass viele Erwachsene total kindlich agieren und sich z. B. einen Welpen anschaffen, ohne diese ganzen Fragen zu stellen. Selbst die Tatsache, dass der Hund irgendwann kein süßer Welpe mehr ist, scheint viele ja schon zu überfordern.


    Man sehe sich nur mal den Billigwelpen-Boom an. Gerade bei extrem krankheitsbehafteten Moderassen ist es ja wirklich nicht so schwer, Informationen zu bekommen und das Risiko abzuschätzen, wie viel emotionale und finanzielle Katastrophen in einem solchen Fall folgen können. Ich habe oft den Eindruck, dass die Leute ihre Hundeentscheidung innerhalb eines Tages treffen und vorher nicht mal die Rasse gegoogelt, geschweige denn stapelweise Bücher gelesen und sich vorbereitet haben. Man hat die Idee vom süßen Welpen und setzt die um - besser heute als morgen. Er muss billig und sofort verfügbar sein, was dank Internet ebenfalls problemlos umsetzbar ist. Und die Leute werden dann später in irgendwelchen Enthüllungs-Reportagen als arme Opfer gezeigt, die einem skrupellosen Vermehrer aufgesessen sind. Weil heutzutage alles verweichlicht ist. Keiner traut sich mehr, mal Tacheles zu reden und zu sagen: Hättest du vorher auch nur 10 Minuten Internet-Recherche betrieben, hättest du dir und dem Hund dieses Schicksal ersparen können. Und irgendein mieser Tierquäler hat wegen dir auch noch Geld verdient.


    Ich bin übrigens 33, also keine Oma. Aber ich finde, dass dieser Wandel / diese Verweichlichung in der Gesellschaft trotzdem total deutlich ist. Der begegnet einem an allen Ecken und Enden. Allein schon, wie oft ich gefragt werde, ob ich in meinem Job keine Angst habe, weil ich so oft alleine draußen unterwegs bin (in Deutschland, nicht in Afghanistan oder Mexiko). Oder wenn ich mir anschaue, wie Lehrer verzweifelt versuchen, Kritik am Schülerverhalten möglichst positiv zu formulieren, weil die armen Kinderchen ja sonst vielleicht PTSD entwickeln könnten. Oder wenn die Eltern ihre Kinder in Himalaya-taugliche Schutzausrüstung stecken, weil es ja auf der Exkursion eventuell ein paar Tropfen regnen könnte und die Lungenentzündung dann ja schließlich vorprogrammiert ist. Und so ist es halt auch mit dem "Nein". Viele Kinder und Erwachsene scheinen dieses Wort nicht zu kennen - weder von anderen noch sich selbst gegenüber. Das ist einfach viel zu hart.


    Ist natürlich jetzt alles etwas überspitzt dargestellt, aber ich denke, man versteht, was ich meine. Und diese Unfähigkeit, sich selbst und anderen aus Vernunftsgründen etwas zu verweigern spielt mit Sicherheit auch in Bezug auf die Entwicklung von Moderassen eine entscheidende Rolle. Welcher vollkommen reflektiert und objektiv-nüchtern denkende Mensch holt sich sonst bitte einen potenziell scharfen Weimaraner oder eine potenziell kranke Bulldogge ins Haus, bloß weil er eine Werbung oder einen Film gesehen hat?

  • @Rotbunte
    die erste Begegnung mit dieser Rasse hatte ich 2002.
    Mein verstorbener Hund Buster, war ein Akita-Mix.
    Als ich Ihn aus dem Tierheim holte, wusste ich nichts über diese Rasse,
    und ehrlich gesagt auch auch Jahre später noch nicht.
    Auch er war mir immer ein treuer Begleiter, Freund und Familienmitglied.
    Meine "Kleine" ist im Mai 2015 geboren und auch Sie war ein Abgabehund.


    und nein, der Film ( 2009) war nicht ausschlaggeben für diese Wahl der Rasse.
    Der Akita an sich ist einfach vom Wesen her das meine, denke ich .
    Schwierig zu sagen, aber auch hier hat es wieder wunderbar funktioniert.

  • Unsere Gesellschaft scheint nur noch nach dem Prinzip "Haben alle, muss ich auch haben, sonst bin ich außen vor" zu funktionieren. Es wird sich nicht mehr über Leistung, Talent o.ä. definiert, sondern massiv über Besitztümer (ich zähle für dieses Thema den Hund mal als Besitz). Da ist der Rassehund ein lebendiges Statussymbol, ein Mode-Accesoire, ein Sportgerät. Wie viele haben einen Chi nicht weil er ein quirliger, intelligenter und fröhlicher Begleiter ist, sondern weil er hübsch in eine noch hübschere Tasche passt (und weil eine gewisse P.H. auch einen "trägt")?


    Warum boomt der Labradoodle so sehr? Weil er angeblich allergiefrei ist. Dass dieser Hund einen exzellenten Jagdtrieb entwickeln kann, wird dabei oft vertuscht. Warum boomen überhaut die ganzen neuen Rassekreationen? Weil es was ganz tolles, besonderes, einzigartiges sein muss.


    Ich denke, es ist ähnlich wie bei Klamotten. Da schreibt irgendwer, dass nächsten Herbst lila mit gelben Punkten der Hit ist, und noch einer schreibt dass in einer anderen Zeitschrift und zack, ist lila mit gelben Punkten überall!! Wird ein bestimmter Hund in Funk und Fernsehen eingesetzt, schreibt irgendwer, dass das eine supertolle Knallerrasse ist, die eigentlich alle Ansprüche von jedem erfüllt, und schon ist ansatzweise ein Hype losgetreten.


    Oder Star XY hat einen Hund von Rasse ABC, da muss doch jeder anständige Fan auch so ein Tier haben.


    So etwa stelle ich mir die Entwicklung solcher Rassetrends vor. Irgendwie gruselig...

  • Ich habe neulich Gray von Leonie Swann gehört und war ganz hingerissen von Gray. Ich habe doch tatsächlich nach Graupapageien im Netz gesucht und ein bißchen quergelesen. Ich hab auch mit meinem Mann rumgeflachst: Ich will nen Graupapagei!
    Nun, die Gefahr besteht nicht. Aber wenn an so einer Stelle Kinder beteiligt sind und das Tier nicht ganz so exotisch, sondern vermeintlich leichter zu halten, dann ist das fast schon ein Selbstgänger.


    Für Border Collies finde ich deshalb auch "Ein Schweinchen namens Babe" wichtiger in der Modehund-Entstehung. Als der Film lief hatten wir den jungen Maxe, der einem Border Collie sehr ähnlich sah und überall war er der Hund aus dem Film.


    Meine Mutter war ein Foxterrier-Opfer. Ich weiß nicht, ob die Räderhunde von Steif da Ursache waren oder ob die schon eine Folge waren, aber bei Foxterrier denke ich immer sofort daran:

  • Hunde(rassen) sind Kulturgüter. Aus diesem Grund eignen sie sich auch so gut, um ein bestimmtes Statement abzugeben, ein Image zu kreieren. Ob wir es wollen oder nicht, kulturell sagt es viel darüber aus, welche Hunde wir halten.


    Die heutige Rassevielfalt in den USA und Westeuropa ist auch ein Spiegel der Globalisierung, die sowieso sehr eng mit den Anfängen der Hundezucht in Grossbritannien des neunzehnten Jahrhunderts verknüpft ist. Seit dem Zeitalter der Aufklärung hatten Wissenschaftler begonnen, die Welt zu systematisieren, zu ordnen. Menschen wie Humboldt und Darwin bereisten die Welt nun nicht einfach mehr wie damals Kolumbus und Magellan um sie zu entdecken, Handel aufzutreiben oder sie zu beherrschen und zu kolonialisieren, sondern um sie zu erforschen. Man begann Genealogien zu erstellen, Pflanzen und Tiere zu sammeln und zu kategorisieren. Nun hatte nicht nur der Adel Anrecht auf einen Stammbaum, sondern plötzlich jedes Lebewesen. So ist es kein Wunder, dass auch Hunde systematisiert wurden und zum Teil romantische Märchen von irgendwelchen Ur-Tibetdoggen Eingang in die klugen Bücher fanden, die durch die Römer(!) über die Alpen gekommen sein sollten.


    Hunde sind ein reines Menschenprodukt und daher seit jeher enger Identifikationsgegenstand. Heute haben wir die Möglichkeit, uns mit einem 'Ridgeback' ein Stück (zivilisiertes, salonfähiges) Afrika oder mit einem Husky die Wildnis der arktischen Regionen ins Wohnzimmer zu holen und unseren Abenteuergeist auszudrücken.


    In England, wo die ganze Rassenhundezüchterei im heutigen Sinne begann, ist das Statussymbol 'Hund' noch viel stärker spürbar. In einem Land, das sich als ganz besonders hundeliebend versteht (obwohl es seit Kurzem mittlerweile auch da mehr Katzen als Hunde gibt), gehört ein Vierbeiner einer bestimmten Rasse noch viel stärker zum Selbstverständnis als hierzulande. Die klassische Mittelschicht, die auch von aussen als solche verstanden werden will, holt sich nach wie vor einen Labrador. Möchte man sich vom Fokus des Adels und der 'Rasse' lieber abwenden, holt man sich als Statement um sein alternatives Gedankengut auszudrücken eben einen Mischling. Als sozialer und weltoffener Mensch wird es dann einer aus einem als kulturell weniger weit entwickelt empfundenen Land.


    So ist es kein Wunder, dass z.B. Filme oder die Literatur, genau wie der Hund ebenfalls Kulturgüter, gewisse Modewellen auslösen können. Interessant ist in diesem Hinblick auch die plötzliche Rückbesinnung auf die 'ursprüngliche' Aufgaben einer bestimmten Hundrasse in einer Zeit und einer Welt (ich spreche nach wie vor nur vom Westen), in der kaum ein Hund eine andere Funktion als die eines Sport- und Familienhundes hat. Egal wie sehr der Schäferhundhalter auf seinen 'Gebrauchshund' pochen mag - solange er ihn nicht im Alltag für seine tägliche Arbeit einsetzen muss und für den Hundesport seine Freizeit opfert, verrät das Wort 'Sport' ja schon, dass es sich hier um eine reine Freizeitaktivität handelt. Sport wurde, so wie wir ihn heute betreiben, - man höre und staune - nämlich ebenfalls im neunzehnten Jahrhundert entwickelt.

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