Panther
Panthers Kampf
Panther lag auf dem Dach des am weitesten östlich gelegenen, offenen Pferdestalls. Sie liebte diese Stelle, hier bekam man die erste Morgensonne ab, hier roch es angenehm nach Pferd und man hörte ihr heimeliges Getuschel, man konnte das Tal bis hinunter zum Bach übersehen, und mit etwas Glück entdeckte man eine unvorsichtige Maus oder ein junges Kaninchen. Die schwarze Katze drehte sich noch weiter zur Sonne, um mehr Wärme zu tanken, weil sie spürte, dass das Wetter sich nicht halten würde, als ihr Blick auf eine durch das hohe Gras hopsende Gestalt fiel. Panther stellte sich hin, um das flinke Wesen besser sehen zu können, da erkannte sie das braune Tier mit dem hellen Kehlfleck, das auf den Hof zu hielt, als Marder.
Schnell, wehrhaft, und durch und durch Räuber, eine Gefahr für das Geflügel auf dem Hof und für jedes Kaninchen auf den Weiden! Allein die Gegenwart eines anderen Jägers in ihrem Revier verstand Panther als Unverschämtheit, die einzige Konsequenz, die ihr wilder Charakter zuließ, hieß Angriff. Sie wartete, bis der kurzbeinige Raubritter unter ihr vorbeilief, dann sprang sie vom Dach, landete knapp hinter ihm und versuchte, mit einem Satz auf sei-nem Rücken zu landen. Doch der Marder hatte das Geräusch der Landung gehört, wich blitzschnell aus, drehte sich, schnellte wie eine Schlange vor und schnappte nach dem Hals der Katze. Er erwischte sie knapp unter der Kehle und biss sich fest.
Panther wehrte sich verzweifelt, strampelte, versuchte sich los zu reißen, und obwohl sie mit ausgefahrenen Krallen auf den Marder einhämmerte, konnte sie ihn nicht entscheidend verletzen. Sie blutete schon heftig, jetzt überfiel sie Panik, sie hatte genug Erfahrung, um zu merken, wann ihr Leben bedroht war. Schnell nachdenken. Vor dem Tod hatte sie gar nicht so große Angst, aber verlieren, nein das wollte sie nicht, und schon gar nicht kampflos. Während der Marder versuchte, seine Zähne immer weiter in den Hals zu graben, tastete sie mit den Vorderpfoten nach der Unterseite ihres Gegners. Sie spürte, wie sie schon schwächer wurde, viel Zeit blieb ihr nicht mehr, um den Kampf zu überstehen. Endlich fand sie die gesuchte Stelle und drückte ihre Krallen in die Leiste ihres Gegners, und mit einem durch den Schmerz ausgelösten Pfiff ließ dieser ihren Hals los. Sofort stürzte Panther vor und schlug ihre langen Fangzähne in den Kopf des Marders. Sie sprang zurück, um die nächste Attacke zu führen, da fiel ihr Gegner schlaff auf die Seite. Ein Fangzahn war durch das Auge ins Gehirn eingedrungen. Der Marder war tot
Panther kauerte sich hin und atmete tief ein und aus, um Kraft zu tanken. Aber es kam keine Kraft Sie war schlapp, machte Geräusche beim Atmen und gab sich noch 10 Minuten, um sich zu erholen. Eine Stunde später wurde sie wach und spürte, dass sie nur schwächer wurde. Sie überlegte, wohin sie sich am besten zurückziehen könnte. In das Haselgebüsch an der Weide, die zum Tal runterführte? Dort standen die Pferde heute, dort hatte sie oft gejagt, und es war nur 400 Meter weit. So machte sich die schwarze Katze auf den Weg. Sie brauchte 40 Minuten für die Strecke, die sie sonst ohne Eile in 4 Minuten geschafft hätte. Aber sie musste oft anhalten, ihre Beine wurden immer wackeliger, und es fiel ihr schwer ihr Gleichgewicht zu halten, dann fing es auch noch an zu regnen. Doch endlich hatte Panther es geschafft. Sie kuschelte sich ins dichte Gebüsch, hörte den Stimmen der Pferde zu und schloss die Augen.
Der kalte Nordwind peitschte die Wolken vor sich her, als Chap und Doggie am Abend in die Scheune kamen. Sie hatten Schafe umgetrieben und waren froh, endlich aus dem Unwetter zu kommen. Als Doggie sich trocken schüttelte, hörte man eine entsetzte Stimme.
„Heh, pass doch auf, wo du hinspritzt, dämlicher Köter!“
„Was, Fettbacke, hast du denn zu melden? Wenn wir nicht malochen würden, würdest du doch verhungern! Es regnet nun mal. Aber du warst ja den ganzen Tag noch nicht draußen, es gibt ja sogar Katzen, die einer Arbeit nachgehen, Mäuse fangen und so. Kennst du natürlich nicht, das einzige was du fängst, ist ein Satz heißer Ohren, wenn du Panther nervst.“
Nun schüttelte sich auch Chap das Wasser aus dem Fell.
„Boah, du auch noch, du spielst doch sonst immer den Vornehmen, verbrüderst du dich jetzt mit dem Gossenjungen?“
Chap legte sich auf einen Heuballen, leckte sich das Fell und schwieg.
„Doch wieder zu vornehm, um zu antworten, der Herr?“
„Wieso springt der Fußball mit Beinen eigentlich noch hier rum, warum schmeißen wir ihn nicht raus?“ meinte Doggie, an Chap gewandt.
Aber der stand auf und sprang auf die höheren Etagen der terrassenförmig gestapelten Heuballen und sah sich suchend um.
„Heh, große Sülze, wo ist eigentlich Panther?“
„Die wird wohl irgendwo draußen auf Jagd sein, du kennst sie doch - immer irgendwas killen, das ist ihr Leben.“
„Ja klar, bei dem Wetter! Du Berliner mit Rüssel hast von Katzen weniger Ahnung als ich, und ich bin ein Köter. Heh, Chap, was machen wir denn jetzt, vielleicht ist Panther was passiert?“
„Ich weiß, wir fragen Natsch, Panther ist doch immer so gern in der Nähe der Pferde. Vielleicht wissen die was.“
Doggie rannte schon zum Stall, in dem Natsch und ihr Team die Nacht verbrachten.
Chap musste sich beeilen, um hinterher zu kommen. Er wusste ja, wie stark Dog an Panther hing. Als er in den Stall kam, war Dog schon dabei, die Pferde wüst zu beschimpfen.
„Verdammte Grasfresser, wenn Panther was passiert ist und ihr habt nicht geholfen, reiß ich euch die Ohren ab und verfüttere sie an die Gänse!“
Dogger, hör auf mit dem Mist, halt die Klappe und geh raus.“
„Aber, die haben..“
„Geh raus. Jetzt.“
Chaps Stimme klang sehr energisch, und Dog wusste, wann seinem Freund etwas wirklich wichtig war. Er ging raus und legte sich vor den Stall.
„Hat eine von euch Panther heute gesehen?“ Chap fragte ruhig in die aufmerksamen Pferdegesichter.
Natsch antwortete “Warum sollten wir dir das sagen? Du treibst uns von der Weide, immer wenn es am leckersten ist, der ganze Hof muss tun, was du bestimmst, und auf einmal möchtest du unsere Hilfe?“
Zustimmendes Gemurmel kam aus allen Ecken des Stalles.
„Eigenartige Haltung, du bist Leitstute und alle Pferde tun was du willst, ich bin hier der älteste Arbeitshund, also müssen die Grasfresser von der Weide, wenn ich es sage. Und denk mal an Sam, den schönen Wallach vom Nachbarhof, was hat der für Schmerzen ausgestanden mit seiner Hufrehe!“ Zustimmend nickende Köpfe und Gemurmel, bei der Erinnerung an Sams Schicksal, “und wer weiß, ob er jemals wieder geritten werden kann?“ Noch mehr Gemurmel und Genicke.
„Und das, wo ihr doch so eigen mit euren Laufwerkzeugen seid, und Hufrehe kann immer wieder kommen, und das doch nur, weil er zu viel auf der Weide gestanden und mit dem ganzen Gras zu viel Eiweiß aufgenommen hat! Die haben auch zwei Hunde, aber die machen ja nichts.“
Vom ganzen Hof empörte Stimmen. “Nun also zu Panther.“
„Aber die Katze geht mich doch nun wirklich nichts an!“
„Mumpitz, magst du gerne Mäuseköttel in deinem Kraftfutter?“
„Natürlich nicht, das ist widerlich und höchst ungesund!“
„Gut, und wer fängt die Mäuse, auf dass sie dir nicht ins Essen kacken?“
„Na, unsere Katzen.“
„Und wer davon fängt die meisten Mäuse?“
„Du hast recht, Panther.! Natsch wandte sich an die anderen Pferde „Ihr habt es gehört, wer von euch hat Panther heute gesehen?“
„Ich“, Else meldete sich mit ihrer Quietschestimme, „ich war die Nachhut, da ging Panther sehr langsam quer über die Weide zum Haselgebüsch.“
„Mein Gott, du bist nicht die Nachhut, du bist nur unglaublich lahmarschig.“
Natschs Kommentar bekam Chap schon nicht mehr mit, er rannte in halsbrecherischem Tempo aus dem Stall an Dog vorbei, dem er zurief, mit zu kommen. Dogs gewaltige Sprint-fähigkeiten ließen ihn aufholen, und zusammen kamen sie an dem Wäldchen mit den Hasel-nusssträuchern an.
„Du durchsuchst den oberen Teil, ich nehme den unteren.“
Beide Hunde rannten los und zogen ihre Kreise, um Panther zu finden. Nach kurzer Zeit tauchte Dog schon wieder bei Chap auf.
„Bei mir ist sie nicht.“
Dogs unglaublich schnelles System, stark überlappende Bögen in Höchstgeschwindigkeit zu ziehen, war Chaps Sucherei überlegen.
„Dann such Du auch hier in deinem Affentempo“ sagte er und sah Dog mit Respekt zu.
„Chap, Chap, Chap, hier liegt sie“, Dogs Stimme klang hysterisch.
Schnell hatte Chap die Fundstelle erreicht, wo sein Freund die Katze unentwegt mit der Schnauze anstieß und dabei Panthers Namen brüllte. Dog sah Chap an.
„Sie ist tot. Unser Panther ist tot.“
Dann lief er auf die Weide, streckte den Kopf gen Himmel und fing an zu heulen.


