von Chris2406 » 29.09.2009 11:41
Doba´s Baustellen – Teil 1…
Eine von Doba´s Hauptbaustellen ist die Angst vor fremden Menschen. Von den Übungssituationen her unterscheide ich hier – wegen unterschiedlicher Arbeitsansätze – zwischen der Angst vor fremden Menschen zuhause und der Angst vor fremden Menschen draußen/unterwegs.
Die Unterschiede in den Arbeitsansätzen kommen dadurch zustande, dass ich mit meiner „Schissbüxe“ draußen nur angeleint unterwegs bin, während sich Menschen-Begegnungen daheim im sicher eingezäunten Hundegarten, bzw. im Haus abspielen und Doba dabei frei läuft.
Während es Hunde gibt, die nur Angst vor Männern haben oder nur vor Männern mit Hüten oder ähnlich eingrenzbaren Menschen-Besonderheiten, hat unsere Doba grundsätzlich Angst vor allen fremden Menschen. Wenn man feststellt, dass ein Hund nicht immer Angst hat, ist es hilfreich, herauszufinden, wovor GENAU der Hund Angst hat – Hüte, Sonnenbrillen, Männer mit Gehstock (um nur einige Beispiele zu nennen…), das hat den Vorteil, dass man das dann gezielt üben (gegenkonditionieren kann).
Situation: Besuch kommt zu uns nach Hause
Hier gehen wir so vor, dass die Hunde sich draußen im eingezäunten Bereich aufhalten (im Haus ist derzeit zu wenig Platz, da zwei EG-Räume wegen Groß-Renovierung noch gesperrt sind). 4 unserer Hunde freuen sich auf jeden neuen Menschen und lungern dann, wenn wir den Besuch vorm Hundetor „instruieren“, wild wedelnd vorm Tor rum…. Doba steht weitmöglichst entfernt, so dass sie gerade noch den Besuch sehen kann, stößt wimmernde Laute aus, hat die Rute eingekniffen und die Ohren abgeklappt. Meist steht sie mit abgesenkter Hinterhand da. Wir stehen immer noch draußen, haben den Besuch fröhlich begrüßt, übertrieben lang die Hände geschüttelt und plappern fröhlich auf ihn ein (den Besuch jetzt).
Der Besuch bekommt folgende Instruktionen von uns (das muss ich machen, mein Liebster kommt sich dabei immer leicht albern vor…):
So tun, als wär da gar keine Doba.
Anfangs überhaupt nicht – auch nicht aus den Augenwinkeln – in Dobas Richtung sehen.
Sich gemütlich auf die Bank setzen und einfach mit uns quatschen. Die anderen Hunde streicheln und denen haufenweise Lekkerlis geben. Selber nen Kaffee trinken.
Irgendwann – mittlerweile verringern sich die Zeiten – kommt Doba immer näher (da werden Käsehäppchen verteilt! Das sind DOBAS Häppchen!) Doba versucht, sich hinter die Bank zu bugsieren (die wir extra dafür verrutscht haben), um mal eine Nase voll „Besuch“ zu schnuppern.
Hier kommen dann die nächsten Instruktionen an den Besucher. Still halten, nicht zu Doba umdrehen, fleißig Käsehäppchen an die anderen Hunde verteilen.
Je nachdem, wie der Besucher vom „Grundtyp“ her ist (Lautstärke, Gestik), kann es sein, dass Doba mehrere Anläufe braucht, aber irgendwann kommt dann der erste Durchbruch – und Doba schafft es, aus der nach hinten gedrehten Besucher-Hand, das ruhig, bewegungslos hingehaltene Käsehäppchen zu nehmen. Wichtig: Die Hand darf sich nicht auf sie zu bewegen, der Besucher darf sich nicht in ihre Richtung beugen. Wir Doba-Menschen halten uns die ganze Zeit zurück, wir sind da, signalisieren durch freundlichen Gesprächs-Ton, dass der Besucher ok ist und die allgemeine Lage entspannt, aber wir wirken in keinster Weise auf Doba ein, kein Locken, kein Streicheln, kein Käsehäppchen von uns. Doch, wir wirken doch ein – nämlich mit einem Doba-Fein, sobald sie das Käsehäppchen nimmt.
Das geht ein paar Mal so – Doba kommt von hinten mit der Bank-Lehne als Sicherheit, nimmt sich ein Häppchen, wird gelobt, geht ein Stück zur Seite und frisst es auf. Nach ein paar Versuchen wird die Überwindungszeit immer kürzer, der Abstand zum Fressen immer kleiner und – wir erinnern uns, da drängeln sich ja noch 4 andere Hundis um den Besucher rum! – die Bank-Lehne als Sicherheit immer unwichtiger. Irgendwann stehen dann 5 Hunde VOR dem Besucher (Doba noch außen, wo sie notfalls weghopsen könnte…) und genauso irgendwann steht dann Doba mitten zwischen den anderen und wird mit Käsehäppchen vollgestopft, wobei der Besucher immer noch keine einzige Bewegung in Richtung Hund macht – sprich Hund muss selbst den ersten Schritt tun und auf den Besucher zugehen.
Ab diesem Punkt ist es dann toll, wenn man den Besucher noch zu einem kurzen Spaziergang auf den Pferdekoppeln überreden kann. Dann kann Doba leinenlos im Vorbeilaufen immer mal wieder am Besucher schnuppern, aus der ruhig herabhängenden Besucher-Hand Käse futtern und durch Bewegung und Rumtollen „die Luft rauslassen“ – ein ganz wichtiger Aspekt, wie ich finde.
Bei uns (absolutes Dorf, Freunde eher weiter weg) geben sich die Besucher nicht grad die Klinke in die Hand, aber nach 5 solcher „Übungsbesucher“ (3xMann, 1xFrau, 1xKind) ist schon eine deutliche Verbesserung zu sehen! Unser – wirklich netter! - Postbote ist als Wiederholungs-Täter auch super hilfreich!
Dobas ganze Körperhaltung hat sich geändert. Wenn der Besuch auftaucht, fällt sie noch kurz in ihr altes Muster (abgesenkte Hinterhand, eingeklemmte Rute, abgehängte Ohren, Wimmern), aber sie kommt da durch unseren fröhlichen Umgang mit dem Besucher mittlerweile ganz schnell wieder raus. Die Zeit, die sie bis zum ersten Käsehäppchen braucht, wird immer kürzer, ebenso die Zeit, die sie braucht, bis sie einfach zwischen den anderen Hunden Käsehäppchen abstauben kann. Auch beim anschließenden kurzen Spaziergang wird sie immer lockerer (anfangs schlich sie mit angespannter Mine um uns rum), mittlerweile kaspert sie fröhlich mit den anderen Hunden durch die Gegend und sieht ab und an nach, ob da wieder ein Käse in der Besucher-Hand steckt…
Es wird noch ein Weilchen dauern, bis Doba beim Anblick eines Besuchers nicht mehr in ihr altes Angstmuster fällt, und mit Sicherheit wird Doba fremden Menschen gegenüber niemals so extrovertiert wie manch andere Hunde, aber die paar Übungssituationen haben schon eine Menge gebracht.
Und dass, obwohl wir wie schon beschrieben eben nicht über unbegrenzte Besucherzahlen verfügen können.
An einen Besucher hat sie sich bereits auch in unserer recht kleinen Küche rangetraut! Und in seiner Anwesenheit ihr Abendessen vertilgt.
Zwei Übungssituationen hab ich beherzt abbrechen müssen, weil der Besucher sich nicht an die „Instruktionen“ gehalten hat, das war so der Typ „Aber vor MIR brauchst Du doch keine Angst zu haben….“ – der absolute Mega-Untyp für Menschen mit Angsthunden… Diese Besucher haben Doba „bedrängt“, bzw. wollten es und da ist es dann mein Job, Doba vor solchen Typen zu schützen. Auch eine lehrreiche Situation für Doba, weil sie so lernt, dass sie sich auf mich verlassen kann und ich es nicht zulasse, dass sie in eine dämliche Situation kommt.
Bisher am „schnellsten“ konnte Doba sich unserem Hundetrainer nähern. Kein Wunder, der hat auch gezielt mit Beschwichtigungssignalen gearbeitet und nicht eine „falsche“ Bewegung gemacht – übrigens mal ein Hinweis für Trainer-Suchende: Ich hab extra vorher ein Geld am Automaten gekauft und dann wollte der Mann für einen Hausbesuch mit Trainingseinheit und vor allem Überprüfen unseres Umgangs mit Doba ganze 20,- € haben…. So viel Hilfe und Tipps und dann das… wir waren reichlich baff….
Mit relativ wenig, aber dafür umso gezielterem Üben sind wir also schon ganz schön weit gekommen!
Übrigens ist dieses Vorgehen durchaus auch eine Unterform der Gegenkonditionierung – Besucher werden von „angstmachend“ auf „angenehm“ umgepolt, mit der Variante, dass Doba sich ihren Sicherheitsabstand selbst wählen darf und sich dem Besucher aus eigenem Antrieb nähert.
Wichtig sind: Bereitwillige, gut instruierte Besucher, ein durchdachtes Konzept und genug Käsehäppchen…. Bei fünf Hundis geht ganz schön was durch in den ein, zwei Stunden…
Und auch wichtig: In der Ruhezone der Hunde haben Besucher nix zu suchen. Das ist für Doba der „Hochsicherheitstrakt“.
Das Besuchertraining findet natürlich in einer Parallel-Welt zu allen möglichen anderen Übungen statt. Jetzt ist das hier schon verflixt lang geworden, unsere anderen Baustellen kommen dann ein anderes Mal.
LG,
Chris