Das Geheimnis
„ Wo werden die fünf Damen denn hingebracht ?“
„ Die gehen zu Torwestens am anderen Ende des Tals.“
Die beiden Hunde hatten die Rinder von der Weide geholt und auf den Hänger getrieben.
„Dann mal los.“
Dog sprang auf die Ladefläche des Zugfahrzeugs.
„ Nein, ich bleibe hier.“
„ Was ?“
„ Ich bleibe hier. Der Chef weiß bescheid. Du machst das schon.“
Das Gespann ruckte und setzte sich dann langsam in Bewegung. Dog schüttelte den Kopf. Wie konnte man sich bei diesem herrlichen Wetter nur eine Fahrt an der frischen Luft entgehen lassen?
Am Zielhof angekommen wurde der rote Hund von einem Border Collie Mädchen begrüßt.
„ Hi, ich heiße Mae. Du bist bestimmt Dog. Ich habe schon allerhand von dir gehört.“
„ Hallo. Von mir? Was denn ? Ich habe von dir noch gar nichts gehört.“
„ Oh sehr charmant. Na von deinen und Chaps Abenteuern hat doch jeder im Tal gesprochen.“
„ Abenteuer? Quatsch. Alltag. Los zeig mir wo die Damen hin müssen.“
„ Gleich auf die Koppel hier drüben. Diese Rinder sind doch von der Kastor-Pollux Gemeinschaft geschwängert, nicht wahr ?“
„Ja , und?“
„ Na das war doch im ganzen Tal Thema, dass ein Arbeitshund sich so um die Bedürfnisse seiner ihm Anvertrauten kümmert. Ich fand das toll.“
„ Ja sicher. Können wir jetzt endlich ?“
„ Warst du mit dieser Aktion nicht einverstanden?“
„Keine Ahnung, was juckt es dich. Chap ist mein Freund, also habe ich ihm geholfen. Los die Rampe ist schon unten.“
Dog beeilte sich die Rinder auf die Weide zu treiben, um dem Redefluss der Hündin zu entgehen.
„ Der Chef hat schon gepfiffen, ich muss los. Hat mich sehr gefreut.“
„ Das ist glatt gelogen, aber sag mir bitte noch wie es Chap geht.“
„ Was? Na wie soll es ihm gehen, besser als mir wahrscheinlich, denn seine Ohren haben ja noch Originalgröße. Meine Pommestüten hingegen müssen schon mächtig geschrumpft sein.“
„ Sonderlich höflich bist du ja nicht zu einer Dame.“
Dog hopste aus dem Stand auf seinen Stammplatz im Heck des Transporters.
„ Kannst du gar nicht beurteilen, wenn ich mal eine Dame sehe, werde ich bestimmt nett sein. Schon geht die Reise los. Gehab dich wohl.“
Auf dem heimischen Hof angekommen, suchte Dog seinen schwarz-weißen Freund. Doch der war nirgendwo zu finden, also ging er in die große Scheune um eine der Katzen zu fragen. Als er am Tor auf eine Maus trat, deren Schädel nur noch sehr locker angebracht war,
Chap hätte gesagt, daß sie zu viel Ganaschenfreiheit hat,
wusste er dass Panther da war.
„ Hallo schwarze Mörderin, weißt du wo der große Meister ist.“
„ Ja die Frau hat ihn zu einem Ausritt mitgenommen. Übrigens mit vollem Mund spricht man nicht. Du hättest ruhig fragen können ob du meine Maus essen darfst.“
„ Mumpitz, wenn du deine Brocken überall rumliegen lässt muss ich doch aufräumen. Chap ist heute nicht mitgefahren, als der Mann Vieh ausgeliefert hat. Sehr eigenartig.“
„ Ihr seid bestimmt bei Torwestens gewesen.“
„ Ja klar, woher weißt du das.“
„Das ist eine lange Geschichte. Komm wir gehen auf eine Wiese, ich will nicht, daß jemand zuhört.“
„Warum verstecken wir uns dann nicht in einem Stall oder Schuppen?“
„Dumpfbirne, da bekommt man doch nicht mit wenn einer lauscht, nur auf freiem Feld siehst du ob sich jemand
nähert.“
„Hört sich ziemlich schlau an. Wo gehen wir hin, auf die untere Obstweide?“
„ Ist gut.“
„Dann erzähl mal.“
Der rote Hund und die schwarze Katze hatten es sich unter einem großen Birnbaum bequem gemacht.
„Als du bei Torwestens warst, hast du doch sicher eine mittelgroße, hübsche Border Collie Hündin gesehen.“
„Ach das Plappermaul, ja klar.“
„ Sie war früher hier auf dem Hof.“
„ Was ?“
„Ja hast du dich denn nie gefragt mit wem Chap vor dir gearbeitet hat ? Die Maloche hier ist zu viel für einen Hund . Damals war Mae Chaps Partnerin. Sie waren nicht nur ein Team bei der Arbeit sondern auch privat ein Paar.“
„ Au backe, so richtig Ehe und Welpen und so ?“
„Nein Nachwuchs haben sie noch nicht gehabt, aber Chap hätte Mae gern als Mutter seiner Kinder gesehen. Sie hatten eine harmonische Beziehung, sind sogar zusammen zu Turnieren gefahren.“
„Echt Chap ist auf Hütehundturnieren gestartet. Er war bestimmt richtig gut.“
„ Oh ja, er war sehr gut. Besser als Mae, die anfangs gar nicht in der Lage war Turniere zu bestreiten. Chap hat ihr unheimlich geholfen, ist mitgefahren auch wenn er nicht selbst gestartet ist, hat ihr Tipps gegeben und Tricks gezeigt, sie beruhigt wenn sie nervös war, sie angestachelt wenn sie zu ruhig war. Und er hatte Erfolg. Mae wurde besser, viel besser.“
„ Klasse. Los wie ging es weiter ?“
„Tja ziemlich traurig.
Chap wurde krank. Sehr krank. Sein Körper machte nicht mehr mit, er konnte kaum noch gehen, schon gar nicht rennen.“
„Oh Gott wie kam es dazu ?“
„Na er hatte sich monatelang übernommen, hat für zwei gearbeitet, wollte alles machen, jedem helfen für jeden da sein, alle auf dem Hof kamen mit ihren Sorgen zu Chap, luden sie ab und zogen erleichtert davon. Und er stand allein mit dem ganzen Müll da.“
„Ja aber er hatte doch dich.“
„Krampf, ich bin eine Katze, ich kann einem Hund nicht helfen.“
„Gut dann aber Mae.“
„Ah jetzt kommen wir zum Kern. Das sie arbeiten musste ist klar, aber in der restlichen Zeit hat sie trainiert und natürlich bestritt sie auch weiterhin Turniere. Chap schleppte sich manchmal noch zum Training seiner Herzensdame, doch für einen ganzen Tagesausflug war er viel zu schlapp. Also lag er wenn sie unterwegs war ,in der Scheune und langweilte sich.“
„Um Himmels willen, warum hat er sich das denn gefallen lassen.“
„ Zwei Gründe:
Eins. Er hat sie geliebt.
Zwei. Er konnte einfach nicht glauben dass er ihr so wenig bedeutete. Dass ein Turnier und der Weg dahin so viel größer sein sollte als ihre Partnerschaft. Dass es überhaupt Dinge gab die über ihrer Liebe standen.“
„ Und wie ging es dann aus?“
„ Irgendwann war es dann ein Wochenende zu viel dass er alleine verbrachte. Chap hörte auf sich um Mae zu kümmern, zeigte kein Interesse mehr an ihren Wettbewerben, sammelte Infos über seine Krankheit und fing an sie zu bekämpfen. Schritt für Schritt wurde er stärker und kräftiger. Seiner ehemaligen Partnerin ging er so gut er konnte aus dem Weg. Nachdem alle Tiere auf dem Hof die ganze Geschichte mitgekriegt hatten und weil Chap sehr beliebt war ,schnitten sie Mae und widersetzten sich ihr und das bedeutet für einen Arbeitshund die Kündigung.
Mae war schlau genug die Konsequenzen zu ziehen und lief weg, bevor sie gefeuert wurde, denn der Mann hätte sich nie von Chap getrennt. Die Hündin fand sofort wieder einen Job bei Torwestens, wo du sie ja heute selbst gesehen hast. Ein paar mal tauchte sie noch hier auf, doch Chap sprach gar nicht mit ihr. Ich denke sie hatte verstanden dass es nicht so viele Kerle wie ihn gibt.“
„ Das ist ja todtraurig. Ganz untypisch für ihn, der Tusnelda keine Chance zu geben die Sache einzurenken .“
„ Mag sein. Komm gehen wir heim. Ich habe Hunger. Vielleicht
fange ich uns einen Snack für unterwegs.“
„ Au klasse.“


