da ich allmählich verzweifel, hoffe ich, dass ihr mir Rat geben könnt. Die Geschichte wird sicher lang, aber nur so könnt ihr die Situation ja einigermaßen gut einschätzen.
Campino ist ein fünf Monate alter Mischlingsrüde, der mal sehr groß wird. Ich hab ihn seit er 11 Wochen alt ist. Der Plan war, dass er mich bei meiner Arbeit in einer Kinder- und Jugendwohngruppe begleitet. Natürlich nicht von Anfang an, sondern wenn er soweit ist. Bis dahin verbringt er meine Arbeitszeit bei meinen Eltern, wenn mein Freund auch arbeitet.
Von Anfang an war Campino sehr ängstlich gegenüber fremden Personen und wollte sich, außer von uns, nicht anfassen lassen. Das ist ja auch völlig ok. Leider wollen viele Leute unbedingt den knuddeligen Welpen streicheln. Soweit möglich habe ich ihn davor geschützt. Einigen besonders hartnäckigen Personen konnte ich mich allerdings nicht zur Wehr setzen. Ist richtig blöd, das weiß ich, ich bin nur leider nicht sonderlich dominant. Mein Vater hat den Hund einfach ignoriert, dennoch wurde er schon bei der ersten Begegnung von Campino angeknurrt. Das war auch schon bevor irgendwelche nervigen Leute den Hund nicht in Ruhe gelassen haben. Mein Vater musste nur den Raum betreten, sofort sprang Campino knurrend auf. Vermutlich hat der Vollbart und das sehr präsente Auftreten meines Vaters ihn zu einer besonders bedrohlichen Person gemacht. Ein Mann aus der Nachbarschaft, der auch zu den nervigen Personen zählte, ist jetzt aus irgendwelchen Gründen Campinos Lieblingsmann außer meinem Freund. Wenn wir dort vorbeilaufen, flippt Campino vor Freude aus. Bei dem hat sich Hartnäckigkeit irgendwie doch ausgezahlt - ich versteh es nicht!
Im Laufe der Zeit verlor Campino seine Angst vor fremden Frauen. Männer dagegen schien er immer schlimmer zu finden. Das Knurren zeigt er nur bei mir zuhause, bei meinen Eltern und in der Wohngruppe, in der ich arbeite. Auf der Straße weicht er Personen, die ihm nicht geheuer sind, aus. Ich habe das Knurren von ihm ignoriert und mich lediglich zwischen ihn und die Bedrohung gestellt, wenn er sich nicht beruhigte. Anfangs knurrte er nämlich nur, wenn bedrohliche Personen den Raum betraten. Im Laufe der Zeit knurrte er auch, wenn die Personen aufstanden, ihn ansahen oder ähnliches. Speziell mein Vater durfte quasi nur regungslos dasitzen. Im Garten zeigt er das Verhalten aber auch, nicht nur im Haus.
Um Campino an die Wohngruppe zu gewöhnen, habe ich ihn ab und an mal für ein oder zwei Stunden dort gehabt. Das klappte sehr gut. Die Kinder liebte er vom ersten Moment. Die pubertären Jungs hat er anfangs angeknurrt, sie aber sehr schnell als ungefährlich eingestuft. Die Kinder haben auf dem Boden mit Campino gespielt und die etwas älteren Jungs haben sich einfach dazu gesetzt und mitgespielt. Da sie keine Angst haben und er auch etwas wilder mit ihnen spielen darf, findet er sie inzwischen sogar besonders toll.
Dann musste ich im Büro arbeiten und habe Campino mitgenommen. Meinen Chef hat er jedes Mal angeknurrt, wenn der den Raum betrat. Der wiederrum hat den Hund mit Leckerchen vollgestopft, weil er meinte, dass der Hund ihn dann schon irgendwann gut finden würde. Ich sagte ihm zwar, dass er den Hund gerade für das Knurren belohnt, aber er wusste es natürlich besser. Das Knurren wurde tatsächlich immer schlimmer und ich verwies Campino unter den Schreibtisch, so dass ich ihn quasi abschirmte. Mehr Möglichkeiten hatte ich dort nicht. Trotzdem wurde es nicht besser und gegen Ende des Arbeitstages wurde mein Chef sauer und hat den Hund angefahren. Ich und der Hund haben uns richtig schlecht gefühlt - es war ein richtig ätzender Tag. Seitdem habe ich jeden Kontakt zwischen Campino und meinem Chef vermieden.
Am nächsten Tag hat Campino erst morgens nicht gefressen und dann mittags Durchfall bekommen. Ich musste leider zur Arbeit und brachte den Hund wie auch sonst zu meinen Eltern. Dort hat Campino dann mehrfach nach meinem Vater geschnappt - das erste Mal. Im Vorbeigehen ist Campino hinterher gegangen und hat nach den Hacken geschnappt. Meine Mutter hat ihn sehr massiv zurecht gewiesen.
Daraufhin habe ich mir eine Trainerin zu meinen Eltern geholt. Die sagte, dass ich den Hund bestrafen müsste, wenn er meinen Vater anknurrt. Bei fremden Personen oder wenn jemand versucht ihn anzufassen, dürfe er knurren. Aber wenn mein Vater ihn einfach ignoriert, gäbe es keinen Anlass. Die erste Strafe war eine Metallschüssel auf den Boden werfen. Die Alternative den Hund sofort in einen Nebenraum aussperren. Dazu sollte mein Vater und auch andere Männer ganz besondere Leckerlis bekommen, die nur er füttert, wenn der Hund mal nicht knurrt. Das mit der Metallschüssel hab ich nur einmal gemacht. Der Hund hat sich so verjagt, dass er noch Stunden später völlig verängstigt wirkte. Dann habe ich ihn je nach Situation rausgeschmissen oder böse "Nein" gesagt. Kurzzeitig hab ich ihn mit ner Wasserpistole angespritzt, hat ihn aber wenig beeindruckt. Auf Schnappen pack ich ihn im Nackenfell und schimpfe - natürlich kein Schütteln.
Mit meinem Vater wurde es besser - wohl vor allem wegen der tollen Leckerlis - bei anderen Männern nicht. Er fing auch an den Kontakt zu meinem Vater zu suchen, allerdings befolgte er bei ihm nicht sein Standartkommando Platz. Sogar bei den Kindern macht er das ohne Leckerli. Sitz macht er sowieso wenn er Leckerchen sieht oder riecht. Auch Spielen will er nicht, er weicht dann aus oder knurrt und das betroffene Spielzeug wird anschließend eine Zeit gemieden. Das ist ja auch ok, aber zeigt eben, dass er immer noch Angst vor meinem Vater hat. Andererseits setzt er sich ständig zu ihm hin, weil er auf Leckerchen hofft. Bis heute knurrt er nur noch sehr selten meinen Vater an. Aber z.B. mein Vater schlüpft in die Schlappen, die neben dem Hund stehen - der Hund schnappt ohne vorher zu knurren nach seinen Füßen. Der Hund ist den ganzen Tag lieb bei meinen Eltern, mein Freund holt ihn abends ab, plötzlich knurrt er wieder meinen Vater an. In meiner Gegenwart hat er bei meinem Vater außer dem Schnappen bei den Schlappen sehr lange nicht mehr geknurrt oder ähnliches.
Die erste Trainerin hat eine Bekannte, die Tierkommunikation macht. Diese nahm Kontakt mit Campino auf und der Grund für seine Angst soll ein junger Mann sein, der ihm als Welpe in den Bauch getreten hätte als er auf der Seite lag. Na ja, wer weiß, im Grunde ändert das auch nichts.
Etwa drei Wochen nach der ersten Trainerin sprach ich mit meiner Trainerin von der Welpenstunde. Die sagte gleich, dass man den Hund niemals bestrafen dürfe, wenn er knurrt. Die Gründe sind hier ja jedem bekannt, also stellte ich das wieder ab. Außer Schnappen, das kann und will ich nicht ignorieren. Ich halte ihn oft an der Leine oder dem Halsband fest, wenn ich das Gefühl habe, das es heikel werden könnte. Wenn er schnappt, strafe ich wie oben beschrieben. Wegschicken lässt Campino sich dann nicht. Erstens hat er noch nicht wirklich gelernt "Geh auf seinen Platz" bzw. bleibt er nicht dort. Zweitens ist es bei mir zuhause so, dass der Besucher vom Aufenthaltsraum Wohnzimmer bis zur Toilette alle Räume außer dem Schlafzimmer durchquert und dort darf Campino nicht hin. Drittens will Campino die Bedrohung im Blick behalten wie sich vor einigen Wochen zeigte. Wir hatten Besuch von einem befreundeten Paar, der männliche Part wurde auch immer wieder angeknurrt. Irgendwann gingen die Männer zum Fußballgucken rein, während wir Frauen auf der Terasse blieben. Campino lief eine ganze Zeit immer wieder hin und her und war sichtlich überfordert damit, dass die "bösen Fremden" sich getrennt hatten. Letztlich blieb er bei uns Frauen.
Campinos Verhalten gegenüber Männern ist zur Zeit schwankend. Manchmal läuft es richtig gut und er knurrt überhaupt keine Männer an, dann geht er eben sogar bis zum Schnappen. Das hängt nicht von dem Mann ab, sondern vom jeweiligen Tag.
Diese Woche sind wir auf einem absoluten Tief
Heute war der Bruder von meinem Freund auf Besuch und es lief quasi das gleiche Spiel ab. Ich bin dann mit dem Hund spazieren gegangen, hab meine Eltern besucht und hab ihn am Ende ausnahmsweise mit ins Schlafzimmer genommen. Dort hat er allerdings auch nach jedem Geräusch gehorcht und immer wieder geknurrt und gebellt. Ich hab ihn ignoriert.
Angst zeigt er trotzdem noch, geducktes Weglaufen vor dem Knurren, wenn der Mann läuft etc.
So, ich bin gerade ziemlich verzeifelt und werde wohl meine Trainerin aus der Hundeschule bitten sich Campino mal zuhause anzusehen. Solange er sein Verhalten nicht ändert, werde ich ihn nie richtig in den Dienst mitnehmen können. Meine Eltern wollen ihn aber auch nicht auf lange Sicht ständig nehmen. Im November hat meine Mutter viele Termine und kann ihn auch gar nicht immer nehmen. Mein Vater kann ihn wegen der schwierigen Situation nicht alleine nehmen. Campino ist doch noch soo jung - das muss man doch in Griff kriegen können!
Falls sich irgendwer durch diesen ellenlangen Roman durchgearbeitet hat - ich bin wirklich für jeden Tipp dankbar!
LG, Marike






